Warum wir echtes Charisma von toxischer Selbstüberschätzung trennen müssen
Autor: Reinhard F. Leiter (https://www.reinhardfleiter.com/de/), Executive Coach München
Das eigene Ich mutiert zur Marke, Aufmerksamkeit wird zur Leitwährung. Narzissmus ist längst kein psychologisches Randphänomen mehr, sondern das Betriebssystem einer Epoche der permanenten Selbstinszenierung. Verstärkt durch die digitale Echokammer der sozialen Medien belohnt der Zeitgeist rücksichtsloses Sendungsbewusstsein. Diese Welle schwappt ungebremst in die Unternehmen. Führungskräfte begegnen narzisstischen Verhaltensmustern heute auf allen Fluren – bei Mitarbeitern, bei Kollegen und vor allem an der absoluten Spitze.
Heiner Thorborg, Deutschlands prominentester Headhunter, formulierte es im Handelsblatt unlängst mit alarmierender Präzision: „In den Führungsetagen tummeln sich 80 Prozent Narzissten. Falsche Chefs gefährden die Firmen.“ Ein Blick in die mediale Dauerberieselung genügt, um die Archetypen dieses Phänomens zu identifizieren: Persönlichkeiten wie Donald Trump, Gianni Infantino oder Elon Musk fungieren als omnipräsente Chiffren für ein Führungsverständnis, das ausschließlich um sich selbst kreist.
Die fatale Verliebtheit in das eigene Spiegelbild
Wer dem antiken Mythos des Narkissos nachspürt, erkennt das Drama des Alltags moderner Manager. Die fatale Verliebtheit in das eigene Spiegelbild führt unweigerlich zum vollständigen Realitätsverlust. Hinter der scheinbar unerschütterlichen, glanzvollen Fassade verbirgt sich in der Praxis zumeist ein erschreckend fragiles Selbstwertgefühl.
Dabei darf man nicht verkennen, dass in moderater Dosierung Narzissmus der Treibstoff für Ausnahmekarrieren ist. Ein unbedingter Wille zur Macht, eiserne Durchsetzungskraft, Risikobereitschaft und ein blendendes Charisma erleichtern den Aufstieg in traditionellen Hierarchien enorm. Das erklärt die geradezu groteske Überrepräsentation dieses Persönlichkeitstyps in den Teppichetagen. Dieses Profil gerät jedoch zur existenziellen Gefahr für das Unternehmen, wenn aus gesundem Selbstvertrauen blinde Selbstüberschätzung wird. Wenn die Empathie stirbt und andere Menschen nur noch als Werkzeuge zur eigenen Bedeutungssteigerung missbraucht werden, mutiert inspirierende Führung zur rücksichtslosen Dominanz.
Die toxische Fünffaltigkeit der Erstarrung
Für den professionellen Umgang ist es entscheidend, die Symptomatik des destruktiven Narzissmus frühzeitig zu erkennen – eine toxische Fünffaltigkeit von Verhaltensauffälligkeiten, die ganze Organisationen vergiften kann. Da ist zunächst die absolute Egozentrik, die jede fremde Perspektive kategorisch als falsch abwertet, untrennbar gepaart mit einer Eigensucht, die unternehmerische Entscheidungen einzig und allein dem persönlichen Vorteil unterordnet. Widerspruch entlarvt sofort die gläserne Empfindlichkeit dieser Charaktere. Sachliche Kritik wird als offene Majestätsbeleidigung geahndet. Hinzu kommt ein eklatanter Empathiemangel, der die Belegschaft zur rein emotionalen Verfügungsmasse degradiert. Das wohl zerstörerischste Muster ist jedoch die permanente Entwertung anderer. Ein brutaler Mechanismus, der einzig dazu dient, das eigene wackelige Selbstbild durch die Herabsetzung der Mitmenschen künstlich zu stabilisieren.
Doch warum fallen Aufsichtsräte und Aktionäre immer wieder auf diesen Typus herein? Weil Narzissten Meister der Illusion sind. Sie blenden ihr Publikum mit großer Energie, unerschütterlicher Überzeugungskraft und scheinbar visionärer Entschlossenheit. Genau diese Lautstärke wird in unsicheren Zeiten fatalerweise mit echter Führungsstärke verwechselt. Erst zeitversetzt offenbart sich die dunkle Seite der Medaille: Eine völlige Lernresistenz, das absolute Fehlen von Demut, paranoide Schuldzuweisungen und byzantinische Machtkämpfe. Wo Kritik als Verrat gilt und persönliche Loyalität schwerer wiegt als fachliche Kompetenz, erstickt jede Innovation in einer Kultur der Angst.
Die Demaskierung: Nüchternheit als Waffe
Wie bändigt man diese Dynamik im Geschäftsalltag? Weder ehrfürchtige Idealisierung noch offene Feldschlachten führen hier zum Ziel. Der professionelle Umgang verlangt nach eiskalter Nüchternheit und vier eisernen Prinzipien. Zunächst müssen unverrückbare Grenzen gezogen werden. Erwartungen, Verantwortlichkeiten und harte Konsequenzen sind eindeutig zu kommunizieren und ohne die geringste Ausnahme durchzusetzen. Zweitens gilt das Gebot der absoluten Sachlichkeit. Emotionale Machtspiele und persönliche Rechtfertigungen sind die Lieblingsarena des Narzissten. Man entzieht ihm die Macht, indem man stoisch auf nackten Fakten und professioneller Distanz beharrt. Drittens lässt sich die Gier nach Bewunderung strategisch kanalisieren. Werden Anerkennung und Wertschätzung strikt an messbare Teamziele gekoppelt, lässt sich die brachiale Energie dieser Charaktere durchaus konstruktiv nutzen. Schließlich braucht es ein institutionelles Korsett. Transparente Führungsgrundsätze und unabhängige Kontrollmechanismen sind der einzig wirksame Riegel gegen den schleichenden Machtmissbrauch.
Der therapeutische Irrglaube
Lässt sich ein Narzisst überhaupt coachen? Die Antwort lautet: Ja, aber nur, wenn er bereit ist, an sich zu arbeiten. Wer die demonstrative Selbstsicherheit lediglich als Arroganz abtut, übersieht die dahinterliegende Tragik aus Scham, Angst und innerer Leere. Der Coach muss hierfür einen paradoxen Raum schaffen: Einen vollkommen bewertungsfreien Ort, an dem der Klient erlebt, dass er nicht permanent optimiert oder bewundert werden muss, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Coaching bedeutet in diesen Fällen nicht die naive Umerziehung des Charakters. Es ist vielmehr der harte Weg, Selbstreflexion überhaupt erst zu ermöglichen, eigene Verletzlichkeit zuzulassen und das Fundament für ein echtes, stabiles Selbstwertgefühl zu gießen. In hochgradig toxischen Fällen markiert das Coaching jedoch lediglich die Brücke zur psychotherapeutischen Behandlung. Ersetzen kann es diese niemals.
Vertrauen schlägt Eitelkeit
Das wirksamste Mittel gegen destruktiven Narzissmus ist und bleibt die Unternehmenskultur. Organisationen, die psychologische Sicherheit, Integrität und echte Kooperation belohnen, entziehen den lauten Selbstdarstellern schlichtweg den Sauerstoff. Führungskräfte, die selbst authentisch handeln, eigene Fehler schonungslos eingestehen und den Diskurs suchen, etablieren eine Kultur, in der Vertrauen die Eitelkeit schlägt.
Narzissmus ist und bleibt ein vergiftetes Versprechen. Er mag Menschen temporär zu außergewöhnlichen Einzelleistungen peitschen, doch er hinterlässt unweigerlich verbrannte Erde in den Teams. Die wahre Kunst des Managements besteht darin, diese zerstörerische Energie zu durchschauen, ihre Dynamik zu verstehen und sie konsequent einzuhegen. Denn exzellente Führung beweist sich am Ende nicht in der egozentrischen Besetzung der größten Bühne. Sie beweist sich einzig und allein in der Fähigkeit, andere wachsen zu lassen.
Über Reinhard F. Leiter
Reinhard F. Leiter war von 1972 bis 1981 in den Funktionen Leiter Aus- und Weiterbildung und Personalleiter in der Bayer Group tätig. Von 1982 bis 2013 leitete er bei Allianz SE das Zentrale Bildungswesen und war Head of Executive Events. Für diese Unternehmen war er auf allen fünf Kontinenten und in über dreißig Ländern tätig.
Reinhard F. Leiter war Gründungsmitglied des „Arbeitskreises Assessment Center-Führungskräfteauswahl und Entwicklung in DACH“ und jahrelang Vorsitzender dieses Vereins.
Er ist heute zertifizierter Coach für Unternehmer und Senior Executive Leaders, sowie Key-Note Speaker und Autor.
Reinhard F. Leiter publiziert regelmäßig.
Neu erschienen: „FÜHRUNG IM WANDEL-NEU DENKEN FÜR NACHHALTIGEN ERFOLG“ EDITION WINDMÜHLE im Feldhaus Verlag, ISBN978-3-86451-106-6
Weitere Bücher von Reinhard F. Leiter:
„Global Coaching Excellence? A holistic approach“, EDITION WINDMÜHLE im Feldhaus Verlag, ISBN 978-3-86451-060-1 gemeinsam mit Dr. Werner Krings.
Reinhard F. Leiter, „Presentation Excellence – A holistic approach“, EDITION WINDMÜHLE im Feldhaus Verlag, ISBN 978-3-86451-039-7.
Reinhard Leiter u.a. „Der Weiterbildungsbedarf im Unternehmen: Methoden Der Ermittlung“ Carl Hanser Verlag München Wien ISBN3-446-13394-1
Reinhard F. Leiter, „Quality Standards of Presentation Excellence“, www.reinhardfleiter.com.
Professional Certificate in Coaching (PCIC) / Foundation in Coaching: Henley Business School at University of Reading GB: Certified
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