E-Rechnungen lassen sich technisch schnell einführen. In der Praxis zeigt sich jedoch häufig, dass ohne integrierte ERP-Prozesse der manuelle Aufwand steigt und Effizienzgewinne ausbleiben.
Die elektronische Rechnung ist in vielen Unternehmen inzwischen angekommen. Formate wie XRechnung und ZUGFeRD sind bekannt, Empfangslösungen sind eingerichtet, erste E-Rechnungen gehen ein. Technisch funktioniert das in vielen Fällen problemlos. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Der erhoffte Effizienzgewinn bleibt oft aus, der manuelle Aufwand steigt sogar.
Die Ursache liegt dabei selten im Rechnungsformat selbst. Entscheidend ist vielmehr, ob die E-Rechnung in einen durchgängigen Prozess eingebunden ist. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer reinen Empfangslösung und einer integrierten ERP-Struktur.
E-Rechnung ist mehr als ein digitales Dokument
Eine E-Rechnung ist immer ein strukturierter XML-Datensatz auf Basis der europäischen Norm EN 16931. Die Idee dahinter: Pflichtfelder, feste Datenstrukturen und definierte Codes sollen eine automatisierte Verarbeitung ermöglichen. Dieses Ziel wird jedoch nur erreicht, wenn die Daten nicht nur ausgelesen, sondern systematisch weiterverarbeitet werden.
Ohne ERP endet der Prozess häufig nach dem Empfang. Die XML-Daten werden angezeigt oder geprüft, anschließend erfolgt die Buchung manuell. Medienbrüche bleiben bestehen, der Zeitaufwand verschiebt sich lediglich.
Document Type Codes: Ein oft unterschätztes Detail
E-Rechnungen unterscheiden verschiedene Rechnungstypen, etwa Rechnung, Gutschrift, Storno- oder Abschlagsrechnung. Diese Unterscheidung erfolgt über sogenannte Document Type Codes. Sie steuern, wie ein Beleg fachlich einzuordnen und zu verarbeiten ist.
In Insellösungen werden diese Codes häufig ignoriert oder falsch interpretiert. Die Folge sind Ablehnungen, fehlerhafte Buchungen oder zusätzliche manuelle Prüfungen. Ein ERP-System kann diese Informationen nutzen, um Buchungslogiken automatisch anzuwenden und Sonderfälle korrekt abzubilden.
Steuerdaten sind kein Beiwerk
Ein weiterer zentraler Punkt sind die steuerlichen Informationen. E-Rechnungen enthalten strukturierte Angaben zu Steuersätzen, Steuerkategorien und Bemessungsgrundlagen. Diese Daten sind eindeutig definiert und maschinenlesbar – Stichwort Tax Codes.
Gibt es Fehler in diesem Bereich, müssen diese Angaben manuell geprüft oder nacherfasst werden. Das erhöht nicht nur den Aufwand, sondern auch das Fehlerrisiko. Ein ERP-System stellt sicher, dass steuerliche Regeln einheitlich angewendet und nachvollziehbar dokumentiert werden.
Anlagen und Zusatzdokumente sauber integrieren
In der Praxis bestehen Rechnungen selten nur aus einem einzelnen Beleg. Lieferscheine, Leistungsnachweise, Verträge oder Stundenzettel gehören häufig dazu. Ohne ein ERP-System werden diese Dokumente oft getrennt erzeugt oder abgelegt und per E-Mail nachgereicht.
Das erschwert die Nachvollziehbarkeit und kann zu Problemen bei internen Prüfungen oder Betriebsprüfungen führen. ERP-Systeme ermöglichen es, Rechnung und zugehörige Anlagen als zusammengehörigen Vorgang zu führen und revisionssicher zu verarbeiten.
Medienbrüche und unklare Zuständigkeiten
Ein häufiges Praxisbild zeigt getrennte Verantwortlichkeiten: Die IT betreut das Empfangstool, die Buchhaltung prüft die Rechnung, der Fachbereich liefert ergänzende Informationen. Ohne ein zentrales System entstehen Rückfragen, Wartezeiten und doppelte Arbeit.
ERP-Strukturen schaffen klare Prozesse und Zuständigkeiten. Sie ersetzen nicht die Fachprüfung, verringern aber Reibungsverluste zwischen den Beteiligten.
Warum Insellösungen für eine Skalierung nicht geeignet sind
Bei geringen Belegmengen könnten manuelle Abläufe noch akzeptabel sein. Mit steigender Anzahl an Rechnungen, mehr Geschäftspartnern und unterschiedlichen Sonderfällen wächst der Aufwand jedoch überproportional. Was anfangs als einfache und pragmatische Lösung gedacht war, wird schnell zum Engpass.
ERP-Systeme vereinfachen und stabilisieren Abläufe vor allem durch ihren Ordnungsrahmen. Sie ermöglichen stabile Prozesse, auch wenn Volumen und Komplexität zunehmen.
Fazit
E-Rechnungen lassen sich technisch auch ohne ERP-System empfangen und anzeigen. Der eigentliche Nutzen der elektronischen Rechnung entsteht jedoch erst durch die Integration in durchgängige Prozesse. Ohne ERP bleibt die E-Rechnung oft ein zusätzlicher Arbeitsschritt statt einer echten Erleichterung.
Wer E-Rechnung langfristig effizient und revisionssicher einsetzen will, kommt an strukturierten ERP-Prozessen kaum vorbei.
Weiterführende Informationen finden sich auf der Website von Jochen Treuz.
Hinweis: Jochen Treuz steht Redaktionen gerne als Gastautor oder Interviewpartner zur Verfügung.
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Über Jochen Treuz
Jochen Treuz ist Diplom-Kaufmann, Trainer, Berater und Coach mit langjähriger Erfahrung im Rechnungswesen. Seine Fachgebiete sind die elektronische Rechnungsabwicklung (E-Invoicing), Liquiditätsmanagement sowie die Digitalisierung von Finanzprozessen. Er unterstützt Unternehmen bei der Einführung der E-Rechnung, GoBD-konformer Archivierung und digitaler Prozessoptimierung.
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